Eine Frage als Accessoire

Als Fragesteller habe ich mir ein kleines Experiment vorgenommen: Die Frage „Haben Sie heute schon etwas vergessen?“ sollte mich ein paar Tage begleiten. Auf all meinen Wegen, privat und beruflich. Bei persönlichen Begegnungen ebenso wie bei Sitzungen oder im Café, möglichst auf selbstverständliche Art und Weise. Als ob das gang und gäbe wäre. Das Innere der Frage nach aussen kehren – wie eine Jacke. Die Frage als Accessoire tragen, so wie andere eine Handtasche.

Auf der Rückfahrt nach St.Gallen deponiere ich die Frage im Veloabteil und lasse sie auf mich wirken. Im Wort „vergessen“ steckt „essen“. Macht „vergessen“ hungrig? Was unterscheidet „vergessen“ von „verdauen“ und was von „verdrängen“? Und wer begleitet hier eigentlich wen: Ich die Frage oder die Frage mich?

Alle registrieren sie, ignorieren sie jedoch umso deutlicher, je privater der Kontext ist. In Sitzungen scheinen die Leute die Frage in den Kontext des Sitzungs-Themas zu stellen und sich zu fragen, was ich ihnen wohl mit meinem Accessoire sagen möchte. Die Frage steht buchstäblich im Raum, bestimmt auf einer unsichtbaren Ebene die Diskussion, interessanterweise fragt niemand danach.

Je länger mich die Frage begleitet, desto deutlicher entfaltet sie überraschende Wirkungen, mit denen ich nicht gerechnet habe: Die Frage wird mir fast schon etwas unheimlich, weshalb ich mich zwischenzeitlich wieder von ihr trenne. Sie färbt ab, auf mich und meine Umgebung. Was sich darin äussert, dass meine Vergesslichkeit schlagartig zunimmt. (Oder nehme ich sie nur deutlicher wahr?) Ich bin derart auf mein neues Accessoire fixiert, es ja nirgends liegen zu lassen, dass ich die gewohnten vergesse, meine Mappe mit aufwändigen Sitzungsvorbereitungen beispielsweise. Eine Art selbsterfüllende Wirkung.

 

Über den Autor / die Autorin

Mark Riklin

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