Alles hat zwei Seiten

Besonders angesprochen durch die wandernden Fragen fühlen sich offensichtlich Angehörige von Menschen mit einer Demenz-Erkrankung. Sie scheinen dankbar zu sein, dass ihr privates Thema in der Öffentlichkeit angekommen ist.

Ein Mann in meinem Alter erzählt mir an einer Strassenecke vom einschneidenden Tag, als ihm seine Mutter vor dreiviertel Jahren zum ersten Mal nicht mehr zulächelte, weil sie sich wohl ganz in die innere Welt, ins Land des Vergessens, verabschiedet hat. Seit sie keinen Willen mehr habe, sei die Pflege viel einfacher. Ich habe weder Rat noch Antwort, höre einfach zu, nehme Teil, Anteil.

Eine Fragestellerin berichtet von Gesprächs-Auszügen:

Beispiel 1: Meine Mama hat keine Angst mehr. Sie traut sich – seit sie dement ist – viel mehr, sie fährt z. B. mit der Gondelbahn. Alles hat zwei Seiten.

Beispiel 2: Meine Mama freut sich über jeden Tag ihres Lebens, obwohl sie nicht mehr weiß, was gestern war. Alles, was weit in der Vergangenheit zurück liegt, weiß sie ganz genau. Sie hat immer gern Feste gefeiert und fragt noch immer, ob wir ein Schnäpsle wollen.

Immer wieder entstehen in diesen Gesprächen nicht Antworten sondern neue Fragen: Wenn der Mensch die Summe seiner Erinnerungen ist, wie John Locke sagt, was oder wer ist er dann noch, wenn er seine Erinnerungen verloren hat, wenn sich sein Ich auflöst? Was bleibt vom Menschen übrig, wenn er die eigene Geschichte vergessen hat, wenn die Persönlichkeit (per-sona) nicht mehr durchtönt, es keine Zeitachse mehr gibt, wenn alles im Hier und Jetzt geschieht? Ist die Erinnerung wirklich das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können, wie Jean Paul sagt?

 

Über den Autor / die Autorin

Mark Riklin

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